Exhibition

Bettina von Arnim "Mutant und Musterland"

10 Jun 2017 – 29 Jul 2017

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free of charge

Frankfurt
Hesse, Germany

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Philipp Pflug is pleased to present works by Bettina von Arnim dating from 1970 to 1983. Her second solo exhibition at the gallery features a series of dystopian drawings and paintings.

About

Posthumane Wesen. Zukunftsvision oder Gesellschaftskritik? Ein Plädoyer gegen den Kulturpessimismus.

„Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wir winzigen Mäuschen. Die riesigen Ahnen guckten uns in die Teller. Wie Käfer, die ihre Knochen außen haben. Die Ritterrüstung. 1961 waren der Mauerbau und die Mondfahrt. Da war das rein optisch schon alles zusammen.“

Bettina von Arnim, 2016

 „Kyborg“ (1970), „Galaktischer General“ (1970), „Toxodont“ (1970), „Abendlandschaft“ (1972), „Mutation“ (1972), „… der Vater ist im Krieg“ (1974), „Kulturen“ (1976), „Himmel und Erde“ (1978), „Trasse“ (1978/79), „Flugversuche“ (1981), „Städte-Meer“ (1981), „Riß“ (1981), „Nach-Stadt“ (1982), „Durchblick“ (1985), „Labyrinthe“ (1997/98) – die Titel der Bilder Bettina von Arnims bezeichnen ihre Zukunftsvision. Die Malerin, die in den 1960er-Jahren an der Berliner Hochschule der Künste bei Fritz Kuhr studierte und im Umfeld der sogenannten „Kritischen Realisten“ arbeitete, beginnt ihre Reise Mitte der 60er-Jahre mit heraldischen Masken und ritterlichen Rüstungen gen Cyber-Space. Der Cyborg (deutsch Kyborg) ist erstmals bei Manfred E. Clynes und Nathan S. Kline beschrieben. Der Artikel „Cyborgs and Space“ erschien im September 1960 im „Astronautics“-Magazin. Durch technische Anpassung, das heißt durch biochemische, physiologische und elektronische Modifikationen, sollte der Mensch den Umweltbedingungen des Weltraums angepasst werden, um dort in der Zukunft überlebensfähig zu sein. Die Visionen der Wissenschaftler waren keine romantischen Vorstellungen von der Reise ins All, sondern wurden als Lösungsmodelle diskutiert, die greifen sollten, wenn die Bevölkerung der Erde sich bis zum Jahr 2000 verdoppeln würde – so die Berechnung der Wissenschaftler in den 1960er-Jahren. Der technische Fortschritt sollte nicht nur zur größeren Produktivität und wirtschaftlichem Wachstum führen, sondern auch die Ressourcen maximal anreichern. Das umfasste die Erweiterung des physischen Raums genauso wie den Anbau von Nahrungsmitteln durch Genmanipulation oder die Gewinnung von Rohstoffen. 

1966 erschien im Spiegel in der Rubrik Kultur unter dem Titel „Menschen – Zukunft. Todlos glücklich“ ein Artikel, der die Zukunftsvisionen für das Jahr 2000 vorstellte: „Verbrecher werden in Kliniken kuriert ('Die Idee der Bestrafung wurde um 1950 aufgegeben'). Alle Bedarfsgüter, vom Butterbrot bis zum Kleiderschrank, werden von zentralen Magazinen aus verteilt - per Rohrpost.“ Und weiter: „Das Datum ist nicht weiter entfernt, als Hitlers Machtergreifung zurückliegt. An der Schwelle zum dritten Drittel des 20. Jahrhunderts scheinen die Menschen sich dessen bewusst zu werden. Wie nie zuvor häuften sich in der jüngsten Zeit Versuche, mit spielerischer Phantasie und nüchternem Kalkül die Welt von morgen zu erschließen.“ Ob Bettina von Arnim diesen oder ähnliche Artikel gelesen hat oder nicht, sie trifft mit ihren Bildern, ihren Zukunftsvisionen, die ab Ende der 1960er-Jahre entstehen, den Geist der Zeit. Angefangen mit ihren Rüstungen und Masken dekliniert sie die Evolution der Lebewesen in der Zukunft. Wenn Evolution heißt, dass die Lebewesen sich an ihre Umwelt anpassen und wenn die Umwelt zunehmend durch Technologien bestimmt ist, muss auch der Mensch sich in diese Richtung entwickeln. Die „Giganten“, „Generäle“ und „Cyborgs“, Mischwesen aus Mensch und Maschine, haben mit ihren Tentakeln aus Schläuchen und Röhren, scheinbar das Rüstzeug für die Reise in eine andere Zeit und eine andere Welt. Von Arnim verharrt nicht in der Evolution des Menschen, sondern entwirft ab Anfang der 70er-Jahre auch die Umgebung, die Landschaft dazu. Die „Trasse“ ist weder Straße, noch Bahnstrecke oder Kanal, sondern eine tief in die Landschaft gegrabene Schlucht, ein Weg von Maschinen für Maschinen. Während die Figuren vom Bild aus auf den Betrachter hinabschauen, schaut der Betrachter von deutlich erhöhtem Standpunkt aus auf die Landschaften. Als wäre sie dieser Welt schon entrückt, überblickt die Malerin die Welt aus der fernen Vogelperspektive, sie hat den Überblick, fasst zusammen und systematisiert. 

Wenn Bettina von Arnim über ihre Bilder spricht, betont sie den Aspekt der Grausamkeit: die Geburt der Giganten, die Eroberung der Welt und die Beerdigung derselben in der von ihnen selbst zerstörten Landschaft. Endzeitstimmung. In der aktuellen Lage, in der politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Entwicklung der letzten fünfzig Jahre, sieht von Arnim ihre Zukunftsvisionen eingelöst. Sie meint, heute ist aktuell, was damals visionär war. Die Malerin hatte kein Vorbild, die Bilder sind ausgedacht. Historisch betrachtet, ist der gemalte Kyborg weniger Spiegelbild der Dämonen, das zur Abwehr derselben dienen soll, wie von Arnim es beschreibt, als vielmehr Ausdruck des Zeitgeists der 60er- und 70er-Jahre. Von heute aus gesehen, sind es aktuelle Bilder. Die Ästhetik erinnert an Computerspiele; jedoch nicht vor dem Bildschirm, sondern vor der Leinwand beginnt der Betrachter die Reise in eine andere Welt. Der Szenenwechsel wird nicht durch das Bedienen der Spielkonsole erreicht, sondern durch die physische Bewegung des Betrachters im Realraum. Der Blickwechsel geht vom „Kyborg“ zum „Giganten“, vom „Städte-Meer“ zum „Labyrinth“, von der Straße in die Galerie und nicht zuletzt zum menschlichen Gegenüber. Alles das ist Teil des Kosmos einer Ausstellung der Bilder Bettina von Arnims. Das Werk ist in bester Weise ein Gesamtwerk, eine Entwicklung über einen Zeitraum von circa fünfzig Jahren. Die Bilder können wie Collagen gelesen werden, Pop-Kultur trifft auf Realismus, Science-Fiction-Ästhetik auf Landschaftsmalerei. Micky Mouse steht mit verstümmelten Armen vor Rosa-Elektroschrott und schneebedeckten Bergen, die „Kulturen“ wachsen aus einem geordneten geometrischen System und der Maikäfer läuft, scheinbar bedroht von einem nicht identifizierbaren Flugobjekt, ohne Ziel und ohne Richtung: „Maikäfer flieg“. Der Maikäfer fliegt aber nicht. Und auch wenn der Titel „… der Vater ist im Krieg“ eindeutig auf das Kinderlied verweist, das in der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“, von Achim von Arnim und Clemens Brentano 1806/08 erstellt, enthalten ist, erinnert der gigantische Käfer, der entweder selbst das Ergebnis einer Mutation ist oder als letzter Überlebender der alten Art in der neuen Umgebung seinen Platz suchen muss, auch an Gregor Samsa bei Franz Kafka, der sich über Nacht in ein Ungeziefer verwandelt. Unangepasst und ungewollt wird er im elterlichen Haus zum dauerhaften Störer der Familienidylle und geht zugrunde.

In der gemalten Collage wird alles mit allem verbunden, es wird ein Raum geschaffen für assoziatives Sehen, für die Entstehung neuer Bilder. Gab es in der Zeit ihrer Entstehung kein Vorbild in der physisch erfassbaren Welt, gibt es heute kein Äquivalent. „Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.“ Dieses Zitat, das dem erwähnten Spiegelartikel vorangestellt ist, ist genauso wahr, wie die Feststellung, dass früher nicht alles besser war und die Zukunft nicht nur Schlechtes bringt. 

1985 schrieb Rüdiger Safranski zum Werk Bettina von Arnims: „Tatort, Täter – leben diese Bilder nur vom Geist der moralischen Anklage? […] Kulturpessimismus, Zivilisationskritik – dafür gibt’s Beifall, aus Freude darüber, dass man nun auf Bildern etwas wiedererkennt, was man sowieso schon zu wissen glaubt. Indes, Bettinas Bilder sind nicht nur Illustrationen zum neuerlichen Unbehagen in der Kultur; sie erschöpfen sich nicht in der Gebärde der Anklage, denn sie verwickeln den Betrachter in ein ganz eigentümliches Vergnügen. […] Aus den Verwüstungen der Ordnung werden Gärten der Geometrie, über die wir hinfliegen, von der Tiefe des zurückweichenden Horizontes und den endlosen Ornamenten der Fläche in den Sog einer beschleunigenden Bewegung gezogen.“ Nachdem ihre Lehrergeneration sich dem Informel und dem Tachismus verschrieben hatte, wagte sich die Generation Bettina von Arnims als erste nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder an den Gegenstand. Offenbar wurde die Farbklecks-Malerei, die reine Beschäftigung mit Form und Farbe der Welt in der sie lebten nicht gerecht. „Bettina von Arnim wagte es schon früh, Astronauten, Androiden und Roboter nicht als eine erstrebenswerte Zukunft des 'perfekten Menschen' zu sehen, sondern als Bedrohung, Deformation und Entindividualisierung an die Wand zu schreiben.  […] sie wagte es, die heile Welt der technokratischen und technokratisch perfektionierten Ordnung eine kaputte Welt zu nennen. Und sie wagte es, ihre Kritik in schöne Bilder zu packen“, schrieb Wolfgang Längsfeld 1981. War die Begegnung mit den Bildern von Arnims in der Zeit ihrer Entstehung erschreckend, heute, da wir täglich mit Maschinen und Roboten umgehen, sie programmieren, für uns arbeiten, denken und bisweilen auch entscheiden lassen, ist von Arnims Vision weniger Wahn oder Warnung, vielmehr ist der „Kyborg“, der Krieger, der die Notbremse nicht ziehen kann, zu allererst ein gut gemaltes Bild. Ein wohl komponierter Raum, eine geheimnisvolle Kombination aus Mensch und Maschine, gemalt in bester Manier, mit prächtigen Farben. Weit entfernt von Weltuntergangsstimmung, überwiegt der Eindruck das Chaos ordnen zu wollen. Detailgenau entwirft die Malerin das Bild der Maschinen-Menschen, geometrische Landschaften in Form von Labyrinthen und Kulturen, die in sechseckigen Zellen wachsen wie aus einer Bienenwabe. Von Arnim findet durch die Malerei den Zugang zur technokratischen Welt. Sie wiederholt und ordnet neu, sie variiert und erfindet. 

Auch wenn laut N. Katherine Hayles (The Cyborg Handbook, 1996) zehn Prozent der gesamten amerikanischen Bevölkerung nach der Begriffsbestimmung als Cyborgs bezeichnet werden können und die technische Durchdringung des menschlichen Körpers in der modernen Medienkultur längst stattgefunden hat, sind wir vom posthumanen Wesen noch weit entfernt. Der Betrachter vor den Bildern Bettina von Arnims ist wie sie selbst, auch fast fünfzig Jahre nach deren Entstehung, noch ein denkender, physisch anwesender Mensch mit Geschichtsbewusstsein und Zukunftsvisionen. 

 

Frankfurt am Main, den 06. Juni 2017

Text von Franziska Leuthäußer

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